In sozialen Netzwerken sieht man immer wieder erstaunliche Videos: Ein einzelnes Orchideenblatt wird abgeschnitten, mit Knoblauchwasser behandelt und soll innerhalb kurzer Zeit neue Wurzeln und schließlich eine vollständige Pflanze bilden.
Die Methode klingt verlockend, funktioniert bei der beliebten Schmetterlingsorchidee jedoch normalerweise nicht so, wie es in solchen Beiträgen dargestellt wird. Ein abgetrenntes Phalaenopsis-Blatt besitzt in der Regel keinen Wachstumspunkt, aus dem eine neue Pflanze entstehen könnte. Knoblauchwasser kann diesen fehlenden Wachstumspunkt nicht ersetzen.
Trotzdem lässt sich eine Orchidee zu Hause vermehren – allerdings benötigt man dafür einen Ableger, einen geeigneten Trieb oder ein Stück Pflanzengewebe mit einem entwicklungsfähigen Vegetationspunkt.
Warum ein einzelnes Orchideenblatt nicht ausreicht
Phalaenopsis-Orchideen wachsen aus einem kurzen zentralen Stamm. Neue Blätter, Wurzeln und Blütentriebe entstehen an bestimmten Bereichen dieses Stammes. Wird lediglich ein Blatt ohne Stammabschnitt entfernt, fehlt ihm normalerweise das teilungsfähige Gewebe, aus dem eine vollständige neue Orchidee wachsen könnte.
Das Blatt kann im Wasser oder in feuchtem Moos noch einige Zeit grün bleiben. Manchmal bildet sich an der Schnittstelle eine Verdickung, die leicht mit einer beginnenden Wurzel verwechselt wird. Daraus entsteht jedoch meist keine neue Pflanze.
Die American Orchid Society beschreibt Phalaenopsis als monopodiale Orchideen, bei denen Blätter und Wurzeln entlang eines zentralen Stammes entstehen. Ein isoliertes Blatt besitzt diesen vollständigen Wachstumsbereich nicht. (Американское общество орхидей)
Wann kann ein Blatt trotzdem Teil einer erfolgreichen Rettung sein?
Anders sieht es aus, wenn das Blatt noch mit einem kleinen Stück des Stammes, einem intakten Wachstumspunkt oder einem schlafenden Auge verbunden ist. Dann wächst die neue Pflanze nicht aus dem Blatt selbst, sondern aus dem vorhandenen teilungsfähigen Gewebe.
Auch eine Orchidee mit beschädigter Krone kann manchmal einen neuen Basaltrieb bilden. Dafür muss die Mutterpflanze jedoch noch über gesunde Wurzeln, ausreichende Energiereserven und einen intakten Bereich unterhalb der Verletzung verfügen. (Американское общество орхидей)
Das Blatt dient in diesem Fall lediglich als Energiespeicher. Der eigentliche neue Trieb entsteht aus dem verbliebenen Stammgewebe.
Was soll Knoblauchwasser bewirken?
Knoblauch enthält verschiedene schwefelhaltige Verbindungen. Deshalb wird selbst hergestelltes Knoblauchwasser häufig als natürliches Mittel gegen Bakterien, Pilze oder Fäulnis beworben. Einige Hobbygärtner verwenden es zudem als angeblichen Wurzelstimulator.
Es gibt Untersuchungen, in denen Knoblauchextrakt die Bewurzelung bestimmter Gehölzstecklinge beeinflusste. Diese Ergebnisse beziehen sich jedoch unter anderem auf Pflanzen wie Liguster, Weinreben oder Maulbeeren – nicht auf Phalaenopsis-Orchideen. Sie beweisen daher nicht, dass ein Orchideenblatt durch Knoblauchwasser Wurzeln oder einen neuen Wachstumspunkt bilden kann. (FUP Журналы открытого доступа)
Für die Behauptung, Knoblauchwasser könne aus einem einzelnen Phalaenopsis-Blatt in Rekordzeit eine neue Orchidee erzeugen, fehlen verlässliche Belege.
Kann Knoblauchwasser der Orchidee schaden?
Ja, besonders eine stark konzentrierte oder lange gelagerte Mischung kann problematisch sein. Selbst gemachte Lösungen besitzen keine kontrollierte Konzentration. Sie können empfindliche Schnittflächen reizen, das Pflanzengewebe austrocknen oder zusammen mit dauerhaft hoher Feuchtigkeit Fäulnis begünstigen.
Zusätzlich können organische Reste im Wasser:
- unangenehm riechen,
- Schimmel bilden,
- Bakterienwachstum fördern,
- Trauermücken anziehen,
- sich zwischen den Wurzeln ablagern.
Orchideen benötigen keine scharfen Hausmittel, sondern vor allem saubere Werkzeuge, ein luftiges Substrat, einen passenden Gießrhythmus und eine gute Luftzirkulation. Die University of Florida empfiehlt bei Pflege und Vermehrung insbesondere saubere Werkzeuge, ausreichend Luftbewegung und das Vermeiden dauerhaft nasser Pflanzenteile. (Gardeningsolutions)
Die zuverlässigste Methode: Vermehrung durch Kindel
Phalaenopsis-Orchideen können kleine Tochterpflanzen bilden, die als Kindel oder Keiki bezeichnet werden. Sie entstehen häufig an einem Knoten des Blütentriebs oder direkt an der Pflanzenbasis.
Ein Keiki besitzt bereits:
- kleine eigene Blätter,
- einen vollständigen Wachstumspunkt,
- später mehrere eigene Wurzeln.
Lassen Sie den Ableger zunächst an der Mutterpflanze. Er sollte erst abgetrennt werden, wenn er mehrere kräftige Wurzeln gebildet hat. Die Royal Horticultural Society empfiehlt, Kindel erst zu entfernen, wenn ihre Wurzeln mindestens etwa zwei Zentimeter lang sind; besser etabliert sind sie meist mit mehreren längeren Wurzeln. (RHS)
So pflanzen Sie ein Keiki ein
Schneiden Sie den Blütentrieb mit einer desinfizierten Schere jeweils ein kleines Stück oberhalb und unterhalb des Ablegers ab. Setzen Sie das Keiki anschließend in einen kleinen durchsichtigen Topf mit feiner bis mittelgrober Orchideenrinde.
Drücken Sie das Substrat nicht fest zusammen. Die jungen Wurzeln brauchen viel Luft. Halten Sie die Rinde leicht feucht, aber niemals dauerhaft nass.
Stellen Sie die Jungpflanze an einen hellen, warmen Platz ohne intensive Mittagssonne. Bis zur ersten Blüte können je nach Größe und Wachstumsbedingungen mehrere Jahre vergehen. Die American Orchid Society weist darauf hin, dass kleine Keikis häufig zwei oder drei Jahre benötigen, bis sie blühfähig werden. (Американское общество орхидей)
Weitere bewährte Vermehrungsmethoden
Nicht alle Orchideen wachsen wie Phalaenopsis. Sympodiale Orchideen wie einige Cattleya-, Cymbidium- oder Oncidium-Arten können häufig durch Teilung vermehrt werden.
Dabei wird eine ausreichend große Pflanze in mehrere Stücke geteilt. Jeder Abschnitt muss mehrere gesunde Pseudobulben, Wurzeln und mindestens einen aktiven Wachstumspunkt besitzen. Ein einzelnes Blatt genügt auch hier nicht. Die American Orchid Society beschreibt die Teilung des Rhizoms als eine gängige Methode bei dafür geeigneten Orchideenarten. (Американское общество орхидей)
Professionelle Gärtnereien vermehren Phalaenopsis außerdem über Samen oder Gewebekultur. Orchideensamen sind extrem klein und besitzen kaum eigene Nährstoffreserven. Ihre Aussaat erfordert daher sterile Laborbedingungen und ein spezielles Nährmedium. Phalaenopsis werden deshalb kommerziell überwiegend mittels Gewebekultur vermehrt. (MSU Extension)
So regen Sie gesundes Wurzelwachstum wirklich an
Bei einer geschwächten Orchidee ist kein Knoblauchwasser erforderlich. Entscheidend sind stabile Pflegebedingungen.
Entfernen Sie zunächst altes, verdichtetes Substrat. Gesunde Phalaenopsis-Wurzeln sind fest und erscheinen je nach Feuchtigkeit silbrig, weißlich oder grün. Braune, hohle und matschige Wurzeln dürfen mit einem sauberen Werkzeug entfernt werden. (RHS)
Setzen Sie die Pflanze anschließend in grobe Orchideenrinde und einen gut belüfteten Topf. Gießen Sie erst, wenn das Substrat fast trocken und der Topf deutlich leichter geworden ist. Im Übertopf darf kein Wasser stehen bleiben.
Für kräftiges Wachstum braucht die Orchidee außerdem:
- helles, indirektes Licht,
- warme und relativ gleichmäßige Temperaturen,
- gute Luftzirkulation,
- eine schwache Dosierung geeigneten Orchideendüngers,
- ausreichend Zeit zur Regeneration.
Eine übermäßig konzentrierte Düngerlösung ist ebenfalls schädlich. Salzansammlungen können Wurzelspitzen verbrennen und neues Wurzelwachstum verhindern. (Американское общество орхидей)
Woran erkennt man echte neue Wurzeln?
Neue Phalaenopsis-Wurzeln besitzen eine glatte, meist hellgrüne oder rötlich grüne Spitze. Dahinter entwickelt sich ein silbrig-weißes Wurzelgewebe.
Ein neuer Blütentrieb sieht dagegen anfangs flacher aus und besitzt häufig eine leicht handschuhförmige Spitze. Ein Keiki entwickelt zunächst kleine Blätter und anschließend eigene Wurzeln.
Eine weiche, dunkle oder schleimige Verdickung ist kein gesundes Wurzelwachstum, sondern häufig ein Zeichen von geschädigtem oder faulendem Gewebe.
Fazit
Aus einem vollständig abgetrennten Blatt der gewöhnlichen Phalaenopsis lässt sich normalerweise keine neue Orchidee ziehen. Dem Blatt fehlt der notwendige Wachstumspunkt. Auch Knoblauchwasser kann kein neues teilungsfähiges Pflanzengewebe erzeugen und ist kein wissenschaftlich belegter Wurzelbeschleuniger für Orchideen.
Zuverlässiger ist die Vermehrung durch ein natürlich gebildetes Keiki, durch Teilung bei geeigneten Orchideenarten oder durch professionelle Gewebekultur. Gesunde Wurzeln entstehen nicht durch ein Wundermittel, sondern durch Licht, Luft, passendes Substrat und sorgfältiges Gießen.